
Die Rolle des CTO verändert sich – und das ist gut so
TL;DR: „Der CTO der Zukunft ist kein Entweder-Oder. Er shipped mit AI und coached sein Team – wer nur eins davon kann, hat ein Problem."
— Till FreitagDie Debatte: Techniker oder Teamleader?
Auf LinkedIn kursiert gerade eine polarisierende These:
"Your CTO should have 10x'd their output in the last 6 months. If they didn't, something's wrong."
Die Argumentation: AI Coding Agents haben das Spiel verändert. Wer als CTO nicht sofort adaptiert hat, fällt zurück. Mehr Output, kleinere Teams, Probleme lösen, die vor einem Jahr unmöglich waren.
Gleichzeitig gibt es eine Gegenbewegung: Der CTO als People Leader, als Coach des Engineering-Teams. Weniger Code, mehr Enablement. Wellbeing, Karriereentwicklung, psychologische Sicherheit.
Beide Seiten haben Recht. Und beide liegen falsch – wenn sie isoliert betrachtet werden.
Der 10x-CTO: Warum Tech-Fokus allein nicht reicht
Ja, ein CTO sollte 2025 signifikant produktiver sein als 2024. Claude Code, Cursor, Lovable – die Tools existieren. Wer sie ignoriert, verschenkt Leverage.
Aber hier ist das Problem mit der reinen 10x-These:
- Output ≠ Impact. 10x mehr Code bedeutet nichts, wenn er am Markt vorbeigeht.
- Individuelle Produktivität skaliert nicht. Ein CTO, der selbst 10x shipped, aber sein Team nicht mitnimmt, hat einen Single Point of Failure gebaut.
- Technische Schulden multiplizieren sich ebenfalls 10x. Mehr Speed ohne Architektur-Denken ist ein Rezept für Chaos.
Der reine Tech-CTO wird zum brillanten Einzelkämpfer. Das funktioniert bei 5 Leuten. Bei 50 nicht mehr.
Der Coach-CTO: Warum People-Fokus allein auch nicht reicht
Die Gegenseite – CTO als Team-Coach – klingt progressiv. Und ist es auch. Aber:
- Ein CTO, der nicht mehr versteht, was sein Team baut, verliert Glaubwürdigkeit. Engineers merken sofort, wenn jemand nur noch in Frameworks und Wellbeing-Workshops denkt.
- Enabling ohne eigene technische Tiefe wird zu leerer Facilitation. Du kannst kein Team zu AI-native Entwicklung coachen, wenn du selbst nie mit Claude Code gearbeitet hast.
- Die besten Engineers wollen von jemandem lernen, der den Stoff beherrscht – nicht von jemandem, der nur Retros moderiert.
Der CTO 2025+: Tech UND People
Unsere These: Die besten CTOs machen beides. Nicht 50/50 – sondern situativ.
Was das konkret bedeutet:
Morgens: Du reviewst einen PR, den ein Agent erstellt hat. Du erkennst ein Architektur-Problem, das dem Agent entgangen ist. Du fixst es selbst – in 10 Minuten statt 2 Stunden, weil du die Codebase verstehst UND die AI-Tools beherrschst.
Mittags: Du sitzt im 1:1 mit einem Senior Engineer, der sich fragt, ob AI seinen Job überflüssig macht. Du gibst ihm keine leere Motivation, sondern zeigst ihm einen konkreten Workflow, der seine Arbeit aufwertet statt ersetzt.
Nachmittags: Du baust einen Prototypen mit Lovable, der ein Kundenproblem in 3 Stunden löst, für das letzte Woche noch ein Sprint geplant war. Du zeigst dem Team nicht nur das Ergebnis, sondern den Weg.
Das Trainer-Modell
Denk an einen Fußballtrainer: Die besten waren selbst Spieler. Sie können den Ball noch immer lesen. Aber sie stehen nicht mehr selbst auf dem Platz – sie machen ihr Team besser.
Der CTO 2025 ist genau das:
- Technisch tief genug, um AI-generierte Architekturentscheidungen zu challengen
- Menschlich stark genug, um ein remote-verteiltes Team zusammenzuhalten
- Pragmatisch genug, um selbst zu shippen, wenn es brennt
- Klug genug, um zu wissen, wann er das Team machen lassen muss
Die rote Linie: Anpassung oder Irrelevanz
"Standing still isn't neutral. It's falling behind."
Das gilt für beide Seiten:
- Der CTO, der keine AI-Tools nutzt, wird technisch irrelevant.
- Der CTO, der nur AI-Tools nutzt und sein Team vergisst, wird kulturell irrelevant.
Die Frage ist nicht Tech ODER People. Die Frage ist: Kannst du beides?
Was wir bei Till Freitag glauben
Wir sehen das täglich – bei uns intern und bei unseren Kunden:
- AI multipliziert die Fähigkeiten deines Teams. Aber jemand muss das Team befähigen, diese Multiplikation zu nutzen. Das ist der CTO-Job.
- Wellbeing ist kein Soft-Skill-Nice-to-Have. In remote Teams ist es Infrastruktur. Ein CTO, der das nicht versteht, verliert seine besten Leute.
- Die besten CTOs, die wir kennen, coden noch. Nicht den ganzen Tag. Aber genug, um den Puls der Technologie zu fühlen.
Fazit: Der CTO als Hybrid
Die Rolle des CTO fragmentiert sich nicht in zwei Lager. Sie fusioniert zu etwas Neuem:
Ein technischer Leader, der AI als Hebel nutzt – und gleichzeitig ein Team baut, das stärker ist als jeder Einzelne.
Wer das kann, hat 2025 den wichtigsten Job im Unternehmen. Wer nur eins davon kann, hat ein Ablaufdatum.








