Illustration der Zukunft von SaaS mit AI-Agents und Vibe Coding

    Ist SaaS tot? monday.com CEO über Vibe Coding, Agents und die Zukunft von Enterprise-Software

    Till FreitagTill Freitag13. März 20265 min LesezeitDeep Dive
    Till Freitag

    TL;DR: „monday.com steht unter massivem Druck – Aktie 60 % unter IPO, Vibe Coding als Bedrohung, AI-Agents als Disruption. CEO Eran Zinman erklärt im 20VC-Interview, warum keines dieser Szenarien so einfach ist, wie es klingt – und warum SaaS-Ausgaben langfristig um das 100-fache steigen werden."

    — Till Freitag

    Worum geht's?

    Harry Stebbings hat sich in der neuesten Folge seines 20VC-Podcasts Eran Zinman geschnappt – Co-Founder und Co-CEO von monday.com. Das Thema: die sechs größten Bedrohungen für monday.com. Und ehrlich gesagt: für die gesamte SaaS-Branche.

    monday.com hat aktuell $1,3 Milliarden ARR – und wird an der Börse trotzdem nur mit rund $3,9 Milliarden bewertet. Das ist ein Rückgang von über 60 % seit dem IPO. Damit trifft es monday.com härter als fast jedes andere börsennotierte SaaS-Unternehmen.

    Die Frage, die über allem schwebt: Ist SaaS, wie wir es kennen, am Ende?

    Bedrohung #1: Vibe Coding – Baut bald jeder seine eigene Software?

    Vibe Coding ist in aller Munde. Die Idee: Statt teure SaaS-Lizenzen zu kaufen, bauen Unternehmen ihre Tools einfach selbst – per natürlicher Sprache, mit KI als Entwickler.

    Zinmans Antwort: Nein, so einfach ist das nicht.

    Sein Argument ist pragmatisch: Eine UI zusammenklicken ist eine Sache. Software langfristig warten, weiterentwickeln und skalieren – das ist etwas völlig anderes. Die meisten Unternehmen unterschätzen massiv, was hinter einem „einfachen Tool" steckt: Berechtigungen, Integrationen, Updates, Security, Compliance.

    Und die Investoren? Die sehen Vibe Coding offenbar genauso gelassen. Es ist aktuell kein primärer Faktor, der Software-Aktien bewegt.

    Unser Take: Vibe Coding verändert, wer Software bauen kann – aber es ersetzt nicht die Plattformen, auf denen Unternehmen operieren. Tools wie monday.com lösen nicht nur ein UI-Problem, sondern orchestrieren Prozesse, Daten und Menschen. Das ist ein anderes Level.

    Bedrohung #2: Übernehmen OpenAI und Anthropic den Application Layer?

    Die Angst vieler SaaS-Unternehmen: Was, wenn die großen LLM-Anbieter nicht nur Modelle liefern, sondern gleich die Anwendungen obendrauf bauen?

    Zinman zieht hier einen klugen Vergleich: AWS. Als Amazon Web Services gestartet ist, dachten viele, Amazon würde das gesamte Software-Ökosystem dominieren. Das Gegenteil passierte: Es entstand ein Boom von Unternehmen, die auf AWS aufbauten.

    Seine These: Das Gleiche wird mit den LLM-Anbietern passieren. OpenAI und Anthropic werden Infrastructure-Player bleiben – nicht Application-Layer-Monopolisten. Der Enterprise-Markt ist zu komplex, zu fragmentiert und zu beziehungsintensiv, als dass ein einzelner Player alles abdecken könnte.

    Enterprise-Sales braucht einen geführten Ansatz – nicht nur Product-Led Growth. Das können die LLM-Anbieter (noch) nicht.

    Bedrohung #3: Werden Agents monday.com in eine wertlose Datenbank verwandeln?

    Das ist die spannendste Frage – und die, die am schwersten zu beantworten ist.

    Das Szenario: AI-Agents erledigen künftig die Arbeit autonom. Sie brauchen keine hübsche UI, keine Boards, keine Dashboards. Sie greifen direkt auf Daten zu. monday.com, Salesforce & Co. werden zu reinen Datenbanken degradiert – ohne eigenen Wert im Application Layer.

    Zinman gibt zu, dass dieses Szenario das komplexeste ist. Aber er sieht es differenzierter:

    • Agents brauchen Struktur. Selbst die besten AI-Agents brauchen saubere Daten, definierte Workflows und klare Regeln. Genau das liefert ein Work OS.
    • Menschen verschwinden nicht. Auch in einer Agentic World brauchen Teams Transparenz, Dashboards und Kontrolle über das, was Agents tun.
    • monday.com baut selbst Agents. Mit monday Agents, AI Credits und dem neuen Hybrid-Pricing-Modell positioniert sich das Unternehmen aktiv in der Agenten-Welt.

    Die Gegenstrategie: Warum monday.com mehr einstellt, nicht weniger

    Während die halbe Tech-Branche Stellen streicht, fährt monday.com die Belegschaft um 15 % hoch. Zinmans Logik: Wenn der Markt sich transformiert, muss man investieren – nicht sparen.

    Die Strategie dahinter:

    • AI wird intern genutzt, um effizienter zu werden – nicht, um Jobs zu ersetzen
    • Neue Produkte (monday CRM, monday dev, monday service) verbreitern die Plattform
    • $1,5 Milliarden Cash auf der Bank – genug Runway für offensive Wetten
    • Hybrid-Pricing mit AI Credits – ein neues Monetarisierungsmodell jenseits der klassischen Seat-Lizenz

    Was kaum jemand sieht: Enterprise AI-Adoption ist langsam

    Ein Punkt, den Zinman besonders betont: Die Realität in Unternehmen sieht anders aus als auf Twitter. Enterprise AI-Adoption ist deutlich langsamer, als die öffentliche Debatte vermuten lässt.

    Große Unternehmen haben Compliance-Anforderungen, Procurement-Zyklen und Change-Management-Hürden. Ein AI-Agent, der autonom arbeitet, klingt toll – aber in einem regulierten Umfeld braucht er Governance, Audit Trails und Freigabeprozesse.

    Das ist genau der Raum, in dem Plattformen wie monday.com ihren Wert beweisen können.

    Die unbequeme Wahrheit: Google AI Overview hat 10 % der Kundenakquise zerstört

    Ein Detail, das aufhorchen lässt: Zinman gibt offen zu, dass Google AI Overview (die KI-generierten Antworten in der Google-Suche) rund 10 % der Kundenakquise von monday.com vernichtet hat.

    Das ist ein massiver Impact – und ein Problem, das viele SaaS-Unternehmen teilen, die auf Content Marketing und SEO setzen. Wenn Google die Antwort direkt in den Suchergebnissen gibt, klickt niemand mehr auf die Website.

    Zinmans Fazit: Die SaaS-Apokalypse ist real – aber auch eine Chance

    Die wohl mutigste Aussage des Interviews:

    „Die Summe, die Unternehmen für Software ausgeben werden, wird um das 100-fache steigen."

    Zinman sieht die aktuelle Phase nicht als Ende, sondern als fundamentale Transformation. Ja, SaaS in der alten Form ist unter Druck. Seat-based Pricing wird hinterfragt. Aber gleichzeitig steigt der Bedarf an Software dramatisch – weil AI-Agents neue Workflows ermöglichen, die vorher undenkbar waren.

    Die Gewinner werden die Plattformen sein, die sich anpassen: von reinen Tools zu Orchestrierungsschichten, von Seat-Pricing zu Value-based Pricing, von manuellen Workflows zu AI-gesteuerten Prozessen.

    Was das für monday.com-Nutzer bedeutet

    monday.com steht unter Druck – keine Frage. Aber das Interview zeigt auch: Das Unternehmen hat einen klaren Plan. AI Credits, Agents, Multi-Produkt-Strategie und $1,5B Cash sind keine schlechte Ausgangsposition.

    Für Teams, die monday.com nutzen, heißt das konkret:

    1. AI-Features aktiv nutzen: monday Sidekick, Agents und Automationen sind kein Nice-to-have mehr
    2. Prozesse sauber strukturieren: Je besser eure Daten und Workflows in monday.com sind, desto mehr Wert schafft die Plattform – auch für AI-Agents
    3. Das Pricing-Modell im Blick behalten: AI Credits könnten das nächste große Thema bei der Lizenzplanung werden

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